Die Bertelsmann Stiftung zusammen mit der Stiftung MERCATOR und dem Progressiven Zentrum hat im September 2025 die oben angeführte Studie veröffentlicht, die aus einer KI-gestützten Inhaltsanalyse von etwa 31.000 Kurzvideos politischer Akteure und Influencer auf Instagram und TikTok aus dem Zeitraum Juni bis Dezember 2024, einer repräsentativen Online-Befragung, sowie vier Fokusgruppen mit 27 jungen Menschen zwischen 16 und 27 Jahren besteht. Es sollte ermittelt werden was junge Menschen im politischen Raum wirklich erreicht.
Yannick Winkler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und vormals Mitarbeiter unseres Bezirksvorsitzenden Peter Weiß, präsentierte diese Studie als Mitauthor.
Zur Einleitung sei erwähnt, dass fast alle Bundestagsabgeordneten Instgram nutzen, aber nur 45 % auf TikTok Präsent sind. Seit 2024 kann man feststellen, dass alle Parteien in den Sozialen Medien deutlich präsenter sind, aber immer noch nicht die Reichweite der AfD haben. TikTok wird besonders stark von der AfD und BSW genutzt. Die Mehrzahl der Beiträge sind sind konfrontativ und zielen direkt auf den politischen Gegner.
Junge Menschen nutzen mit ihren Smartphones zu ca. 80 % Instagram und genauso häufig Messengerdienste. Danach folgt TikTok mit 60 %. Social Media (74 %) sind mit großem Abstand der Ort, an dem junge Menschen politische Informationen aufnehmen – noch vor der Familie (54%). Zeitung oder TV steht deutlich dahinter (46 %). Nur 38 % folgen gezielt Accounts von Parteien oder Politikern, aber 60 % politischen Influencern. Die Hälfte der jungen Nutzer gibt an, politische Inhalte häufig über den algorithmisch selektierten Feed zu sehen. 64 % der jungen Menschen finden, dass die Plattformen ein guter Ort sind, um ihre Generation zu erreichen. Sie schätzen die niederschwelligen Kontaktmöglichkeiten, nutzen sie aber nur zu 17 % selbst zur Beteiligung oder zum Liken/Kommentieren.
Die meisten Videos drehen sich um den politischen Betrieb selbst, junge Menschen spielen dabei aber eine untergeordnete Rolle. Mehr als jedes dritte Politikvideo auf TikTok oder Instagram drehte sich im Untersuchungszeitraum um das Handeln der Regierung und Verwaltung und zu Wahlen. Knapp ein Viertel aller Videos beinhalten einen konkreten Bezug zu jungen Menschen oder zukünftige Generationen. Vor allem Jugendorganisationen der Parteien stellen einen Bezug zu jungen Menschen her (48 %); Parteien (21 %) und Politiker (20 %) deutlich seltener, Schlusslicht ist die AfD (14 %). Videos mit Jugendbezügen erzeugen tendenziell erhöhtes Interesse unter den Befragten.
Knapp 70 % der Beiträge enthalten eine positive Selbstdarstellung, während 35 % Angriffe auf politische Gegner sind. Auf Instagram ist der positive Bezug deutlich höher als auf TikTok. VOLT und SPD zeigen mit knapp 90 % die häufigsten positiven Selbstdarstellungen, die AfD nimmt hier mit 63 % den letzten Platz ein. Bei den Angriffen dreht sich das Bild und die AfD stellt mit 73 % den größten Anteil, gefolgt von BSW (60 %), Linken (48 %), SPD, CDU, Grüne und FDP (jeweils ca 25 %). Schlusslicht ist VOLT (13 %). Obwohl die befragten Jugendlichen Videos mit Angriffen rund 40 % häufiger angesehen haben als vergleichbare ohne Angriffe, ist bemerkenswert, dass die Jugendlichen die Angriffe in den Videos eher ablehnen.
Bei den Themen bringen “Migration” und “Wahlen” deutlich Reichweite (wird häufig angeschaut), während Videos zu “Umwelt” und “Sozialem” deutlich weniger verfolgt werden.
Die Art der Ansprache und des Adressieren von Botschaften geschieht überwiegend über das “Du” und fordern direkt auf zum Kommentieren oder z.B. zu Demoaufrufen. Aufrufen zu Parteieintritten oder Spenden sind eher gering.
Bei den durch die Parteien “bespielten Themen” steht bei allen außer den Linken und VOLT (jeweils “Wahlen”) “Regierung & Verwaltung” an erster Stelle, an zweiter Stelle folgen “Wahlen” außer bei FDP (“Wirtschaft”), Linke und VOLT (jeweils “Regierung & Verwaltung”) und an dritter Stelle ” gibt es schon kein mehrheitlich eindeutiges Themengebiet.
Als Resume kann gesagt werden: Junge Menschen wünschen sich politische Kurzvideos mit möglichst guter Aufnahmetechnik und mit verständlichem Ton. Aufwendige Bearbeitung wünschen sich weniger als 20 %. Besonders wichtig ist, dass Videos eine einfache und klare Sprache enthalten, dass die Botschaften ehrlich sind und die Politiker sich menschlich zeigen.
Jugendliche geben zu mehr als 50 % an, dass sie politisch interessiert sind und 65 % sagen sogar, dass ihre Informiertheit gut oder sehr gut ist. Ob ihre Informiertheit aber aufgrund ihrer Informationsbasis (Soziale Medien) tatsächlich umfassend und ausgewogen ist, lässt ein großes Fragezeichen zurück.
Drei von fünf Jugendlichen unter 20 Jahre folgen politischen Inhalten über Influencer. Dieser Anteil reduziert sich mit steigendem Alter und höherer Bildung. Es wird grundsätzlich einem breiten Spektrum in der politischen Landschaft gefolgt, aber mehrheitlich den Influencern, da man den Politikern und Parteien eher skeptisch gegenüber steht. Hinzu kommt, dass primär diese Nachrichten “konsumiert” werden, die der Algorithmus generiert hat und man annimmt, dass das die richtigen und wichtigen Informationen sind.
Wie das Verhalten der älteren Generation in den sozialen Medien ist, wurde bisher noch nicht fundiert untersucht. Fakt ist aber, dass immer mehr ältere Menschen im Internet sind und bis etwas zum Alter von 75 fast 75 % sich im Internet bewegen. Erst danach sinkt die Rate deutlich. Auffallend ist, dass in den letzten 10 Jahren ein deutlicher Altersanstieg festzustellen ist und man annimmt, dass in den nächsten 10 Jahren die 90 % Marke erreicht wird.
Ein interessantes Thema mit vielen Facetten und auch in dieser Konzentriertheit bisher nicht verfügbar.